Abstrahierendes Vergessen

In der Zeit online schreibt Eva Wolfnagel 21.01.2016 einen Longread über das perfekte Gedächtnis. Etwas, das alle sich wünschen und keiner sich wünschen sollte.

Es gibt unfreiwillige Mnemoniker, man liest es hier und dort. Das sind Leute, die nicht vergessen können. Und sie werden wahnsinnig darüber. Sie werden das, weil sie so damit beschäftigt sind, einen permanenten Strom von Details abzuspeichern.

Im Zeit-Artikel beschreibt Wolfnagel, wie Early-Adopter Technik benutzen, um ihr Gedächtnis zu erweitern und dann Detailwissen Präsenz vorspielen und Eindruck schinden. Es wirkt unmenschlich und geht in seiner Grundannahme an einer Kernfunktion des Gedächtnisses vorbei. Es hilft, das Leben zu bewältigen. Und das besteht aus einer Aneinanderreihung von unvorhersehbaren Situationen mit neuen Anforderungen, die bewältigt werden wollen.

Weisheit durch Vergessen

In früheren Zeiten galten Menschen mit vielen Lebensjahren als weise. Sie waren nicht weise, weil sie eine perfekte Datenbank hatten, sondern weil sie viel gesehen, gehört, gelitten und vergessen hatten.

Geschichte wiederholt sich nicht, sie reimt sich. Ein bisschen Googeln nach diesem Spruch sollte zu Twain führen. Es geht nicht um exakte Reproduktion, sondern um Mustererkennung, die unbenennbar bleibt und assoziativ springt. Und nach zwei Bier zu anderen Ergebnissen führt.

Es ist wichtig, viel zu wissen. Sonst hat man keine Basis für das Assoziieren. Aber gerade Menschen mit einem guten Gedächtnis ärgern sich über die Lücken. Wie viele Namen von Fussballern kann man behalten, falls man sich für diesen Sport interessiert und ihn nicht für Zeitverschschwendung hält. Und dann liest man nach und stellt fest, dass es doch anders war.

Dieses Gefühl mit Google Glass überspielen zu wollen, führt nicht dazu, über Assonanzen Neues besser einordnen zu können.

Das menschliche Gedächtnis ist wesentliches Element der Intelligenz, weil es Wahrnehmung auf Symbole, Begriffe, Gefühle reduziert, einspeichert, neu abruft und kombiniert, dann verändert zurückspeichert und sich so vom eigentlichen Ereignis entfernt und der Gegenwart nachfolgt.

Exakte Reproduktion kostet viel zu viel Speicher und hilft nicht allein bei der Bewältigung des Lebens. Oder hilft es beim Eintritt in die Rente, sich an die Pickel der Mutter zu erinnern?