Deutschland der Zukunft

Das Buch "Germany 2064" von Martin Walker habe ich als überraschendes Weihnachtsgeschenk 2015 bekommen. Vom Buch oder gar vom Autor hatte ich bislang noch nichts gehört.

Genre

Als Klassifizierung steht auf dem Cover Zukunftsthriller. Es soll also Science-Fiction und Krimi in einem sein. Ein Kriminalroman gilt in einem Zeitalter, in dem ADAC-Vorstände einen Detektiv als Alter Ego ins Leben rufen und jede Region ihren Kultkommissar hat, als Mittel der Wahl, um Gesellschaftskritik schonend unter's Lesepublikum zu bringen.

Die Überraschung zu Weihnachten war gelungen, und so habe ich mir in den Tagen nach Weihnachten "Germany 2064" zu Gemüte geführt.

Plotsplitter

Mit klassischem Instrumentarium wird der Kriminalfall einer verschwundenen Person und eines verschwundenen humanoiden Roboters erzählt. Der Hintergrund ist Deutschland im letzten Drittel des 21. Jahrhunderts.

Das Land hat sich zu einem der führenden Nationen der Erde entwickelt, das Europa anführt und mit Nordamerika einen Wirtschaftsraum bildet. Die Industrie ist grundlegend umgebaut, das Bankwesen fast vollständig verschwunden, der Einsatz von Robotern verschiedenen Komplexitätgrades flächendeckend akzeptiert.

Politisch ist Deutschland zweigeteilt: Hochentwickelten und durchrationalisierten Stadtagglomerationen stehen freie und elektronisch unkontrollierte Flächen gegenüber. Die Spaltung geht zurück auf eine - so recht benannt wird es im Buch nicht: Revolte / Revolutiönchen / bisschen Remmidemmi. Eine Revolution ist es nicht, weil die Alterspyramide im Revolutionsjahr 2048 zuwenig Testosteron hergibt und man es eigentlich gut miteinander meint.

Der Kriminalfall wird untersucht von einem Ermittlerteam aus einem menschlichen Kommissar und einem Roboter, der kurz zuvor ein Upgrade durch die Produzenten erhalten hat. Weitere Protagonisten sind ein Industrieller mit einem intakten moralischen Gerüst, eine Professorin mit Fachgebiet Psychologie und Ethik in Bezug auf Robotik, eine Politikerin, ein Ingenieur für hochentwickelte Roboter und diveres weiteres Personal. Es sind relativ viele Rollen, die zu besetzen wären.

Erklärte Wissenschaft

Große Passagen des Buches bestehen aus Erklärungen. Insgesamt ist das Buch sehr explikativ, was einem Science-Fiction zumeist wenig gut tut. Wenn man will, zuviel Science. Trotzdem trägt der Lesefluss, weil der Plot, als Krimi gestaltet, den Bogen halten kann. Große Wagnisse geht der Autor nicht ein. Der Entwurf der Zukunft ist ausschließlich extrapolierend, nicht experimentell. Am Schluss des Buches verweist Walker in seiner Dankesschrift auf die Entstehungsgeschichte des Buches. Der Impuls kam, so in der Dankesschrift ausgeführt, nach einer Konferenz von Politikern, Wissenschaftlern, Unternehmern und weiteren Personen, die sich Gedanken um die Zukunft Deutschlands machen. Und genau dies schimmert im Buch durch. Sehr viel abwägendes, sehr viel sowohl als auch, deutlicher Think-Tank-Sprech.

Kein echter Antagonismus

Eins fehlt fast völlig, was für einen Thriller immer dazu gehört: das Böse.

Es wird von einem Mord zwischendurch gesprochen, es gibt Tote bei einem Sturm auf einen Bauernhof. Die Protagonisten meinen es aber durch die Bank gut mit ihren Mitmenschen. Ein bisschen Opportunismus ist hier und da zu erkennen, aber die Intrigen kommen sehr abstrakt von einem anderen Kontinent. Ein Gastauftritt einer CXO (X steht für Irgendetwas), einige Knallchargen mit russischem Akzent, ein mit Geld angeworbener Manager mit verschmiertem Lippenstift, ein umgedrehter Sicherheitschef und einige wenige mehr reichen nicht aus, um dem geballten guten Willen etwas entgegenzusetzen.

Fazit

So lautet das Fazit: Sehr viel besser als ein ungelesenes PDF aus einer Think-Tank-Konferenz, gehobenes Krimiformat, fehlerfrei montierte Science eines Geisteswissenschaftlers. Ein Eigenleben wie die robotische Hauptfigur wird "Germany 2064" nicht entwickeln.