CEO-Wortgeklingel

Er war nervös und griff nach seinem Smartphone. Nichts bestimmtes. Es hatte vibriert. Oder?

Eine Systemmeldung vom Provider. Dies sind nervig, müssen aber sein. Die Hausjuristen sagen es immer wieder. 1,5h hatte er am Vortag mit einigen von ihnen im Meetingraum zusammengesessens und theoretische Risiken erläutert. Unternehmerisches Denken erwartete er schon lange nicht mehr von ihnen. Nur die Maske vor der Talkshow hatte noch länger gedauert. Trotz Solarium und Schönheitsschneider ist noch viel Tünche nötig bei den Scheinwerfern.

¨Das Sender-WLAN des NRD steht bereit. Die AGBs finden Sie hier. Das WLAN ist kostenfrei für Sie.¨

Der NDR braucht abgenickte AGBs für sein Haus-WLAN. Was für ein Risiko will deren Justiziariat denn damit einfangen?

¨Noch fünf Minuten bis zur Sendung.¨ Er hat nicht mitbekommen, wer gesprochen hat. Schnell noch einmal die Fakten durch. Cellblue hat in Deutschland im Vorjahr einen Umsatz von 8,5 Mrd. gemacht, Gewinn nach EBITDA 325 Mio. Keine berauschende Rendite. Die Kundendaten sind in einem der modernsten Datenzentren der EU gesichert. Cellblue macht seinen Umsatz mit Traffic im Mobilfunk- und Datenübertragungsbereich. Adressenhandel macht keinen Sinn, weil das nicht in das Geschäftsmodell passt. Cellblue operiert im Rahmen der bestehenden Gesetze. Es ist seinen Stakeholdern und Kunden verpflichtet. Es investiert hohe Summen in den Ausbau seiner Netzinfrastruktur. Es entwickelt attraktive Dienste auf der ganzen Wertschöpfungskette. Der Schutz der persönlichen Daten der Kunden steht auf der Prioritätenliste ganz oben. So weit zu den offiziellen Fakten. Und alles schön kurz, atomar, damit es nicht geschnitten werden kann. Die anderen Gäste der Runde, er muss auf der Hut sein.

¨Bitte bestätigen Sie, dass Sie die AGBs zur Kenntnis genommen haben.¨

Einer vom HHH ist dabei. Die geben sich doch sonst nicht für so etwas her. Der vom BIST konnte sich das auch nicht erklären. Vielleicht braucht seine Ortsgruppe Geld. Damit kriegt man alle.

¨Noch zwei Minuten bis zur Sendung.¨

...

¨..., weil wir auf das Vertrauen unserer Kunden essenziell angewiesen sind. Wir setzen bei den Endgeräten bewusst auf die Plattform, deren Architektur per Design höchste Sicherheit bietet.¨

Es läuft gut, seine Message kommt rüber. Der vom HHH.
¨Diese Plattform ist sicherer, aber nicht sicher.¨

¨Das ist doch ein unbelegtes Gerücht, das in ihr Weltbild passt.¨

¨Der Exploit ist seit zwei Monaten bekannt, aber das BIST hält den Deckel drauf, ist ja auch attraktiv. Mit einer Zeigefingerberührung auf den Link in einer SMS holt man sich den Schadcode. Mit Rootrechten. Das gibt Vollzugriff auf das Gerät. Ein Adressbuch normaler Größe runterladen dauert im WLAN keine 30 Sekunden. Kalender wandern direkt hinterher, ihre Schnappschüsse und Dokumente sind schon oben.¨

¨MMMeine?¨

¨Ihre. Vorgestern hatten Sie ein Treffen mit dem BIST. Haben die Ihnen auch nichts von der Lücke und dem Exploit erzählt? Vertrauensvolle Zusammenarbeit?¨

¨Das ... das ist illegal!¨

¨Warum?¨

¨Solche AGBs sind nicht rechtens. Das geht gegen jede Datenschutzregelung. Und außerdem sind sie überraschend. Das kriegen sie vor Gericht niemals durch.¨

¨Wir haben die Datenschutzteil aus den AGBs entlehnt, die Bluecell für die Nutzung ihrer Chat-App verwendet. Wir haben abgewandelt, um kein Copyright zu verletzen. Da wollen Sie als CEO einer der wichtigsten Mobilfunkbetreiber vor Gericht Überraschung heucheln?¨

¨Aber ... aber ich hatte keine Zeit sie zu lesen.¨

¨Nicht unser Problem.¨

¨Sie ... dürfen meine ... Daten ... nicht verwenden.¨

¨Keine Sorge. Ihre Daten liegen ja weiterhin auf Ihrem Smartphone. Es liegt lediglich eine Kopie in einer der sichersten Datenzentren der EU, der Bluecell-Cloud. Wir haben sie sogar zusätzlich verschlüsselt. Noch nicht mal der amerikanische Geheimdienst kann sie dort erkennen oder entschlüsseln.¨