Domainindustrie schädigt sich selbst

Nicht tragfähige Geschäftsmodelle von Registries unterminieren ein Versprechen des Domain-Name-Systems

Ein Szenario hat die Öffentlichkeit schlicht nicht kennengelernt, nämlich die Insolvenz eines Registry-Operators. Eine Registry ist zuständig für den Betrieb einer Top-Level-Domain wie VeriSign für .com oder die DeNIC für .de.

Einmal war es fast passiert, als .travel an der Schwelle der Pleite stand. Es gab zu wenig Kunden, die bereit waren, eine .travel für einen relativ hohen Preis zu registrieren. Die Pleite konnte jedoch durch den Eingriff eines anderen Registry-Operators abgewendet werden, mit dessen Hilfe der Betrieb von .travel nahtlos fortgeführt wurde, ohne dass eine .travel-Domain deswegen offline ging.

Was kostet eine Registry und was bringt sie dem Betreiber ein?

Domains der gängigen Endung sind für den Endkunden lächerlich billig. Sieht man sie als Marke des kleinen Mannes oder der kleinen Frau an, kann man sich für zehn Euro im Jahr eine Kennung im Internet zulegen, die im besten Fall einzigartig ist und einem selbst gehört. Sie kann einem kaum genommen werden, sofern sie keine Rechte Dritter verletzt und man sich an die Vergabe-Richtlinien hält - ganz im Gegensatz zu einem Profil in einem sozialen Netzwerk, dass über Nacht hops ist, wenn der Betreiber des Netzwerks seine Allgemeinen Geschäftsbedingungen ändert oder den Betrieb aus wirtschaftlichen Gründen einstellt.

Von diesen zehn Euro muss der Registry-Betreiber seinen Betrieb bestreiten. Er braucht Rechner in einem hochklassigen Rechenzentrum mit redundanten Anbindungen, die im Fall von Leitungs- oder Stromausfällen einspringen. Er braucht Programmierer, die das Registrierungssystem programmieren oder die eingekaufte Lösung anpassen. Und er braucht Mitarbeiter im Support, die die Kunden der Registries, also Registrare oder auch direkt die Endkunden, glücklich machen, wenn was schief läuft.

Er muss Gebühren an die zentrale Internet Verwaltung, also der in den USA ansässigen Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) zahlen, falls es eine generische Top-Level-Domain ist. Generische Top-Level-Domains sind nicht auf ein Land wie .de oder .fr bezogen, sie sind einprägsam und heiß begehrt, weil sie sich von einem Gattungsbegriff wie buecher herleiten. Die Anwälte, die Vergaberichtlinien schreiben, tun dies auch nicht umsonst. Die Mitarbeiter, besonders die Geschäftsführung, fährt in der Gegend herum, um sich auf üblichen Branchentreffs mit Partner und Kunden zu unterhalten. Man sieht, es läppert sich, und die Aufstellung lässt sich bestimmt weiter führen.

Dem stehen die zehn Euro gegenüber. Bei weit mehr als 100 Millionen registrierter Domains, wie sie beispielsweise Verisign verwaltet, macht das bestimmt Spaß. Es ist aber auch anstrengend. Da gibt es aber auch Endungen wie .aero, unter der weniger als 6.000 Domains registriert sind. Deshalb kosten .aero-Domains auch mehr, ein Millionen-Business wird daraus trotzdem nicht.

Wirtschaftlicher Druck auf neue Top-Level-Domains

Der Antrag bei der ICANN, möglicherweise eine neue Top-Level-Domain betreiben zu dürfen, kostete USD 185.000 einmalig. Und das war nur der Einstieg. Weil es so viele neue Endungen gibt, verteilt sich die Aufmerksamkeit der Endkunden, die am Ende der Kette Geld in dem Domainmarkt bringen, auf viel mehr Teilnehmer im Markt. Deshalb müssen die Registry-Betreiber lauter sein, sprich mehr Geld ins Marketing pumpen.

Und dazu kommen noch weitere Kosten: technisches Personal, Supportmitarbeiter, Reisekosten-Produzenten, Anwälte, Rechenzentrumskapazitäten, Bürokosten. Da hat man also einen initialen Kostenblock von einer halben Million Euro schnell zusammen. Bei einem Preis von zehn Euro müssen also, sehr grob über den Daumen gepeilt, mindestens 500.000 Domains her. Oder um präziser zu sein, 500.000 Domainjahre, die innerhalb des Abschreibungsraums an die Endkunden berechnet werden.

Oder 50.000 Domains zu hundert Euro. Aber wer ist heute schon bereit, so viel Geld für irgendeine Domain in einer relativ unbekannten Top-Level-Domain zu halten?

Weitere Kalkulationsposten wie Zwischenhändler, die bessere Konditionen als die Endkunden haben und einen Teil der Marge einstreichen, lassen wir im Moment weg. Es geht um den Trend: Bei dem wirtschaftlichen Druck in einem sehr unübersichtlich gewordenen Markt ist die Insolvenz von Registry-Betreibern eine äußerst reale Möglichkeit geworden. Das wird auch jeder Endkunde ziemlich schnell begreifen.

Und das führt zu einigen Entwicklungen, die von den Verfechtern neuer Top-Level-Domains kaum gewollt sein konnten.

War das Absicht?

Solange man sich an die Vergaberichtlinien hielt, war einem die Domain nicht zu nehmen. Wenn die Registry aber pleitegeht, mag nun auch eine Domain plötzlich von Netz gehen, ohne dass man dafür etwas kann. Damit kommt der Zweifel in den Markt, ob man dauerhaft seine Domain hat, solange man selbst es will.

Dabei war das eines der schlagenden Argumente für eine Domain im Vergleich zu einem Profilnamen in einem sozialen Netzwerk. Vergaberichtlinien, die in vielseitig und international abgesicherten Vertragswerken eingebettet sind, signalisieren eigentlich Dauer und Beständigkeit. Dieses Argument hat die Domainindustrie mit domain.egal oder - die Top-Level-Domain gibt es wirklich - www.tolle-eigene-marke.sucks sich selbst aus der Hand geschlagen.