Warum wir lernen sollten, Briefe zu schreiben

Kürzlich passierte es wieder. Eine Schülerin setzte folgenden Tweet ab: "Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann 'ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.", hatte die 17-jährige Schülerin des Kölner Ursulinen-Gymnasiums am vergangenen Samstag gepostet. Als Spruch auf einer Party hätte er allenfalls eine kurze Diskussion oder einen Gegenspruch ausgelöst hätte. Mehr nicht.

Hier hatte er sich zu einem bundesweit wahrgenommenen Vorfall ausgeweitet. An dessem Ende verweigert die Schülerin ob der zahlreichen Anfeindungen die Kommunikation mittels Twitter, zumindest zum Teil.

Woher kommt diese Unstimmigkeit in der Kommunikation?

Auf einer Party sind alle Gäste zur gleichen Zeit im gleichen Raum und, damit sei das Entscheidende zu Beginn gesagt, man hat wahrscheinlich das Gleiche getrunken und man sieht sich, wenn man miteinander spricht. Bei Tweets und Gegentweets sieht man sich nicht. Es fehlen bei Twitter über das rein Sprachliche hinaus zusätzliche Kanäle der Kommunikation und die gemeinsame Öffentlichkeit.

Und die lässt sich auf Twitter nicht herstellen, zumindest nicht mit dem Internet der heutigen Zeit. Es bleiben nur die alphanumerischen Zeichen auf der Tastatur, um die Kommunikation zu moderieren. Das ist im Fall von Twitter viel Subtilität, die in 140 Zeichen zu packen ist.

Was für Twitter gilt, trifft auf die ganze Onlinekommunikation zu: Smileys ersetzen nicht wirklich ein Augenzwinkern.

Die Vielzahl der - vorsichtig gesprochen - missglückten Gespräch im Internet ist ein Hinweis darauf, dass die Verständigung ausschließlich über Sprache eine Fertigkeit ist, die nur wenige Menschen beherrschen.

Und damit sind wir wieder bei der Ausgangsthese in der Überschrift: Warum wir lernen sollten, Briefe zu schreiben und zu lesen. Immer mehr Menschen sind darauf angewiesen, subtile Zwischentöne ausschließlich über Sprache zu vermitteln. Das scheint mir einer der wesentlichen Beträge zur Zivilisierung des Tons im Internet zu sein.

Diesen Einsatz von Sprache findet man beispielsweise in Briefen. Okay, Handschrift und Tränenspuren auf dem Papier fallen weg.

Die Schlussfolgerung daraus lautet überspitzt: Lasst die Schüler Briefromane des 19. Jahrhunderts lesen, dann klappt das auch mit dem Tweeten und dem Lesen von Tweets besser.